Volksverhetzung von oben

Durch das Leben in einer weltoffenen und multikulturellen Stadt wie London bin ich vielleicht etwas verwöhnt was den Umgang mit Minderheiten angeht, aber was ich diese Woche aus meiner deutschen Heimat vernehmen mußte, machte mich wirklich fassungslos:

Terrorgefahr?

Berlins Innensenator Ehrhart Körting weiß im ständigen Terrorkampf nicht mehr weiter und hat daher die alte Blockwart-Idee reaktiviert. Wörtlich sagte er: “Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man glaube ich schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist.”

An die ständige staatliche Panikmache mit Terrorwarnungen hat man sich ja schon gewöhnt. Ebenso leider an einen gewissen Level an Rassismus, der nicht zu tilgen ist. – Aber daß ein Innenminister die Furcht vor Terrorismus mit rassistischen Vorurteilen gegenüber einer Bevölkerungsgruppe in Zusammenhang bringt, das ist neu. Es ist volksverhetzend. Und es ist dumm und gefährlich:

  • Die meisten Deutschen können Arabisch nicht von Türkisch oder Suaheli oder Hebräisch unterscheiden.
  • Was bedeutet “seltsam aussehend”? Die am seltsamsten aussehenden Menschen in Deutschland sind in meinen Augen trachtentragenden Bayern.

    Sind das die "seltsam aussehenden" Verdächtigen?

  • Und warum sollte es verdächtig sein, wenn ich mich “nie blicken lasse”? Ich z.B. lasse mich nicht oft blicken, weil ich viel zu tun habe und weil es nicht genug interessante Mitmenschen gibt, mit denen sich eine Unterhaltung lohnen würde. Das macht mich vielleicht zu einem eigenbrötlerischen Sonderling, sollte mich aber nicht unter Terrorismusverdacht stellen.
  • Wenn man eine Sprache nicht versteht, wie soll man denn die Behörden davon informieren “was da los ist”?
  • Wenn die Sicherheitsbehörden nun schon auf “Informationen” von Großmüttern über ihre Nachbarn hoffen müssen, dann können die Chancen auf wirkliche Aufklärung von Terrorismus nur aussichtslos sein.
  • Terrristen wissen jetzt, daß sie nur öfter in den Biergarten gehen und sich dort auf Englisch oder Deutsch unterhalten müssen, um vor Entdeckung sicher zu sein.
  • Eine Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht zu stellen, ist nicht dazu angetan, aus dieser Gruppe Hinweise an die Sicherheitsbehörden zu erhalten. Diese Hinweise wären aber womöglich die wertvollsten.

Gegen so einen Unsinn hilft nur der zivile Ungehorsam in Form massenhafter gegenseitiger Verdächtigungen unter Berufung auf Herrn Körting. Wenn der Polizeistaat alles wissen will, soll er die Informationen erhalten. Und dadurch hoffentlich lahmgelegt werden.

(For the English version of this article.)

About Andreas Moser

Travelling the world and writing about it. I have degrees in law and philosophy, but I'd much rather be a writer, a spy or a hobo.
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6 Responses to Volksverhetzung von oben

  1. John Erickson says:

    (Meine bescheidene Meinung, für Ihre deutschen Leser. Entschuldigt, wenn meine Übersetzung ist ungenau oder ungeschickt.)
    “Strange suchen Personen, die zum Verweilen aus den Augen, eine Sprache zu sprechen, wir nicht verstehen versuchen.” Schauen wir mal – in meinem persönlichen Leben, dass Gruppen von Klingonen bei einer Star Trek Convention, eine Gruppe von nicht-englischsprachigen umfasst World War 2 Reenactor, Gruppen von Renaissance Fair Schauspieler, sub-atomaren Teilchen Physiker bei einer Weihnachtsfeier, und für das ultimative Beispiel, wie über eine Gruppe von katholischen Geistlichen sprechen Latein? Abgesehen von den Klingonen, gibt es keine anständige Bedrohung in der ganzen Haufen. (Alle Unsinn über den LHC am CERN ein schwarzes Loch beiseite.) Was die Klingonen, auch sind ihre Waffen Spielzeug, und ihre einzige offensive Waffe ist ein Mangel an sanitären! (. Ich kann Witz, weil ich zu laufen Sci-Fi Wider um die Vereinigten Staaten zu helfen verwendet) Ich denke, Herr Korting muss raus unter die Leute ein bisschen mehr – und seine Vorurteile zu Hause lassen.

  2. LM says:

    Ich denke, dass nach dem zweiten Weltkrieg die Gesellschaften in Europa einige große Fehler gemacht haben. Eine der größten Fehler ist die gewesen, dass sich kluge Köpfe aus der Politik rausgehalten haben. Man hat sich einfach zurückgezogen und war glücklich mit seinem Job, wo man hat auch seine Leidenschaft einbringen können.
    Da die kluge Köpfe sich mehr und mehr der Wirtschaft gewandt haben, sind somit “freie Räume” in die Politik erschaffen worden für … vorsichtig ausgedrückt … weniger kluge Menschen. So kann es manchmal kommen, dass ein Elektroinstallateur es richtig nach oben schaffen kann (oder was auch immer Beck – SPD, gewesen ist). So, frage ich mich, wie kann so einer ein Land wie Deutschland in die Zukunft führen?
    Es ist sehr traurig, dass eine wertvolle Gesellschaft in den Händen weniger weltgewandten Menschen (z.B. Westerwelles Sprachfertigkeiten) landet. Und das Regierungssystem erlaubt dann solcher Menschen über eine ganze Gesellschaft zu entscheiden.
    Traurig, stimmt ?

    Nun, wenn solche Menschen die Mehrheit ausmachen, die die Regierung bildet, kann man sich gar nicht wundern, wenn ein ganzes Land gesellschaftlich aus dem Gleichgewicht kommt. Das Interessante dabei ist, dass dieses Phänomen in der ganzen westlichen Welt stattfindet.

    Gibt es Lösungen? Meiner Meinung: JA !!!

    Kluge Köpfe müssen sich intensiver für die eigene Gesellschaft einsetzen, und nicht einfach in die Wirtschaft flüchten, oder es einfach sein lassen. Dann wird eine Regierung klüger auf dumme Herausforderungen antworten können.

    Sich persönlich und intensiv für das Wohl der eigenen Mitmeschen einsetzen, und sich nicht vom Geld oder Macht beeinflussen lassen. Aller Anfang ist schwer, aber eine Generation könnten die Richtung einer ganzen Gesellschaft positiv ändern.

  3. Romantiker says:

    Dafür braucht es aber Patriotismus und in einer multikulturell degenerierten Land wie Deutschland reduziert sich da der mögliche Personenkreis schon auf die, die sich mit dieser bunten Allerwelts-Gesellschaft identifizieren können.
    Es muss also ein intellektueller Mensch sein, diese haben meistens aber zu viel Stil für die Politik und stehen auch außerhalb der Bedürfnisse der einfachen Menschen.

    • LM says:

      Du hast Recht, aber NUR wenn der Intellektuelle sich ALLEINE gegen die politische Situation stemmt. Wenn er sich ERST mit Gleichgesinnten zusammenschliesst, dann wirde er/sie viel mehr einbringen können.

      Wenn man sich an den 68er erinnert, wo Aktivismus richtig in gewesen ist, dann muss man diese Haltung irgendwie wieder aufleben lassen.

  4. Kurpfälzer says:

    Dass du deutsche Trachten (in diesem Fall die bayrische) als selstam bezeichnet, zeigt schon wie weit her es bei dir mit Objektivität, geschweige denn Traditionsstolz oder -Toleranz ist.
    Du benutzt die GLEICHE Polemik desjenigen den du dafür verurteilst.

    Und woher hast du, dass meisten Deutschen Arabisch nicht von Türkisch oder Suaheli oder Hebräisch unterscheiden können?
    Das ist auch einfach nur erfunden… Norwegisch zu Dänisch vielleicht, aber Arabisch zu türkisch? Glaubst du ernsthaft, dass wir Deutsche so blöd sind? Ich denke wenn, dann ist es den einigen lediglich egal. Was aber auch verständlich ist, da manchen Ausländern auch schnuppe ist Deutsch zu sprechen (egal ob Dialekt oder Standarddeutsch)

    • LM says:

      Ich stimme dir völlig zu. Nach viele internationalen Reisen und Leben im Ausland muss ich sagen, dass im Durchschnitt die Deutsche eine sehr gute Bilding besitzen. Und sie besitzen sehr fundiertes Wissen vor allem in den Bereichen, für die sich interessieren (z.B. durch Beruf, Hobby, etc).
      Was ich am meisten an die deutschen Mentalität mag ist der Drang sich nicht der Mittelmässigkeit zuwenden zu wollen. Diese Charaktereigenschaft findet man – verallgemeintert gesagt – auch in den skandinavischen Länder.
      Und dann natürlich findet man das wieder überall auf der Welt, wo diese Menschengruppierungen leben und die Gesellschaft auf diese Einfluss haben.

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